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Fazit meiner Indien-Reise


Ich schreibe diese Zeilen Mitte März 2009, ich bin also seit 2 1/2 Wochen wieder im Land, und meine Eindrücke von dieser Indien-Reise haben sich mittlerweile verfestigt. Ein gewisser Abstand ist nun da, so dass ich es wagen kann, ein persönliches Fazit von der Reise zu ziehen. Dies wird mir auch dadurch erleichtert, dass ich mittlerweile sämtliche Fotos gesichtet, sortiert und bewertet habe, ich also eine permanente Beschäftigung mit Land und Leuten hatte. Auch bin ich gerade dabei, mein Filmmaterial in Form zu schneiden, so dass vieles vor meinem geistigen Auge wieder präsent wird.

Eine deutsche Reisende, die ich im vergangenen Jahr in Saigon traf, sagte mir: „Indien liebt man oder man hasst es.“ Nun, diese Auffassung kann ich nach meinem Besuch in dieser Absolutheit nicht teilen. Bestimmte Aspekte des Landes sind mit Sicherheit liebenswert. In erster Linie die Menschen, ich habe sie überwiegend als freundlich und offen empfunden, ohne Hintergedanken. Das Gegenteil gab es natürlich auch: wirklich aufdringliche Tuk-Tuk-Fahrer, die einen noch etliche Meter verfolgten; aggressive Verkäufer, die sich einfach nicht damit zufrieden geben wollten, wenn man an ihnen vorbei ging, ohne sie zu beachten, und sich dann noch Schmähreden ausdachten; nervige Kinder, die sich mir buchstäblich an die Fersen hefteten, Blicke aufs Display des Fotoapparats werfen wollten, um Geld bettelten und nicht bereit waren, das Weite zu suchen. Nun gut, das ist wahrscheinlich in ganz Asien so, vor allem aber in Gebieten, die von Touristen stark frequentiert werden.

Aber eines ist anders, nämlich die Freundlichkeit der Leute, die aus dem Herzen zu kommen scheint. Man mag es kaum glauben: Nicht jeder, der mich angesprochen hat, wollte etwas von mir (im Sinne von Verkaufen, Dienstleistungen etc.) Was solche Leute suchten, war der Kontakt mit dem Fremden, dem Weißen, dem Europäer. Ein Brautpaar bat  mich, es zu fotografieren. Die jungen Leute schauten sich das Foto auf dem Display meiner Kamera an, freuten sich und ließen es dabei bewenden. Sie waren einfach zufrieden, dass sie von einem Gast ihres Landes abgelichtet wurden. – Ein Vater liess sein Söhnchen uns die Hand geben. “Namaste” (Grußformel), und das war’s. Und manchmal verspürte ich eine zarte Berührung, die aber nicht von Taschendieben kam, sondern weil sich jemand davon irgendetwas versprach – ein besseres Karma oder was auch immer. Indien ist wahrscheinlich das einzige Land, das ich bisher bereist habe, wo ich so mancher Person Unrecht getan habe, indem ich ihr „Hello Mister“ aufgrund einschlägiger Erfahrungen fehlinterpretiert und daher ignoriert hatte.

Die Kehrseite der Medaille sind Armut und Dreck, beide sind sehr offensichtlich. Als wir morgens um 6 Uhr – kurz nach unserer Ankunft in Delhi – durch die „Main Bazaar Road“ gingen, grauste es uns beide vor dem Dreck, den ich in dieser Form und Konzentration noch nirgends gesehn hatte. Wir hatten uns nur vielsagend angeschaut, jeder wusste, was der andere dachte. Da es in Indien kein Müllentsorgungssystem gibt, wirft halt jeder seinen Unrat irgendwo hin, z.B. auf die Straße. In Diu kam ein Mann aus einem Haus mit einem großen Müllsack. Fein, dachte ich, mal was Positives. Der Mann überquerte die Straße, ging zu einer Balustrade oberhalb des Meeres und kippte den Inhalt des Sackes ins Wasser. Den Müllsack nahm er wieder mit, zur weiteren Verwendung. Manchmal wird offenbar doch irgendwie zentral „entsorgt“, anders kann ich mir die Müllberge entlang der Bahngleise nicht erklären.

Das Pendant zum Dreck ist die enorme Luftverschmutzung. Man steigt frühmorgens aus Bahn oder Bus und denkt: Was für ein Nebel. Aber der Nebel löste sich nicht auf, trotz starker Sonneneinstrahlung, besonders stark in Delhi und Jaipur. Es ist Smog. Es sind nicht nur die Fabriken, die ihren Feinstaub in die Luft blasen, die gesamte Bevölkerung ist mangels fehlender Müllentsorgung (s.o) daran beteiligt, da sehr vieles verbrannt wird – zu Heiz- oder Kochzwecken. Die 1,5-l-Plastik-Wasserflaschen scheinen dabei einen besonders guten Heizwert zu haben.

Hinzu kommt dann die Armut: Nach Angaben der Weltbank haben heute 44 Prozent der Einwohner Indiens weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Auch wenn die Ernährungssituation seit den 1970er Jahren entscheidend verbessert werden konnte, ist noch immer mehr als ein Viertel der Bevölkerung zu arm, um sich eine ausreichende Ernährung leisten zu können.

Diese geschilderten Situationen bekommt man als Individualreisender natürlich ungefiltert mit, vieles geht direkt unter die Haut, und man hat wirklich das Gefühl, ein Stück Indien miterlebt zu haben – vom Schönen wie vom Deprimierendem. Lieben oder Hassen („Ablehnen“ wäre sicher besser formuliert)? Die Wahrheit – für mich persönlich – liegt irgendwo in der Mitte. Die wirklich reizenden Menschen, die vielen architektonischen Schönheiten auf der einen Waagschale, die geschilderten Problemgebiete auf der anderen, die Waage war praktisch ständig in Bewegung.

Ich denke, ich werde die Waage sich allmählich ausschwingen lassen! Wenn sie zum Stillstand kommt, werde ich für mich entscheiden, ob ich meinen Besuch in Indien wiederholen möchte oder nicht. Im Moment ist es dazu noch zu früh.

  1. Alex
    04/02/2014 um 13:44

    Sehr schön geschrieben und Deine Fotos sind auch ganz toll … Danke dafür! Ich bin (in diesem Jahr) gespannt auf mein erstes Mal Indien. 🙂

    Herzliche Grüße aus dem deutschen Nordosten!

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